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| Beitrag vom 25.05.2009, 14:31 Uhr | Der Kampf um die Frische |
Milch symbolisiert Lebenskraft und das von Anfang an. Für Muttermilch gibt es keinen gleichwertigen Ersatz, obwohl Forschungslabors jahrzehntelang genau dies kreieren wollten. Und in ärmeren Gesellschaften ist für Kinder ein Glas Milch am Tag eine wichtige sozialpolitische Hürde. Gleichzeitig ist Milch für uns ein Alltagsprodukt. Wir greifen im Supermarktregal nach Frischmilch und geniessen sie mit kernigem Biomüsli. Das ist ein gelungener Start in den Tag. H-Milch kommt für uns nur in Ausnahmefällen ins Glas oder die Tasse. Der Geschmack ist schlicht grauenvoll und zudem gehen die wertvollen Stoffe der Mich, wie zum Beispiel Vitamine bei der Herstellung verloren.

Klare Verhältnisse im Kühlregal? Mitnichten. Inzwischen gibt es vermehrt Michpackungen auf denen wir Marketingslogans wie "länger frisch", "maxifrisch" oder "extra langer Frischegenuss" lesen können. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln und daher liegt die Frage nahe: Was verbirgt sich dahinter?
Lebensmitteldesigner wollten schon vor über 15 Jahren die Lücke zwischen H-Milch und Frischmilch schließen. Das Ergebnis der Forschungen war ESL-Milch. Die Abkürzung steht für "Extended Shelf Life", was übersetzt bedeutet "längeres Leben im Kühlregal" Seit 1996 ist sie in Supermärkten zu finden. Inzwischen dominieren sie das Kühlregal. Die Meinungen über das Produkt gehen auseinander und dementsprechend ist die Verwirrung bei Verbraucherinnen und Verbrauchern groß. Das liegt auch an der bislang fehlenden Kennzeichnung.
Um ESL-Milch herzustellen, gibt es zwei verschiedene Verfahren, die sich unterschiedlich auf den Geschmack und den Vitamingehalt der Milch auswirken können. Die aufwändigere und daher seltenere Methode besteht aus mehreren Schritten und firmiert unter der Überschrift Mikrofiltration. Zunächst wird der Rahm von der Milch getrennt und hocherhitzt. Die abgetrennte Magermilch wird durch feine Filter von Keimen befreit. Danach werden Rahm und Magermilch wieder vermischt und bei 72 bis 75 Grad hocherhitzt. Bei der einfachen Variante, dem einfachen Hocherhitzen wird die Milch nur für wenige Sekunden auf bis zu 127 Grad hocherhitzt, um die Keime zu vermindern. Bei diesem Herstellungsverfahren gehen - gegenüber der "normalen" Frischmilch - zehn Prozent der Vitamine verloren.
Das einfache Hocherhitzen hat noch einen weiteren gravierenden Nachteil. Es verändert den Geschmack. Der leicht brackige Kochgeschmack erinnert daran, dass hier die Lücke zur H-Milch geschlossen werden soll. Auch der längere Aufenthalt im Kühlschrank, bis zu drei Wochen, der von Herstellerseite als praktischer Vorteil angepriesen wird, verwandelt sich auf den zweiten Blick zum Nachteil. Je länger eine Milch im Kühlschrank steht, desto weniger Vitamine sind in ihr enthalten. Auf Dauer hat also jede ESL-Milch - egal wie sie hergestellt wurde - weniger Vitamine als die kürzer haltbare "traditionell hergestellte" Frischmilch.
Das hindert die neue Milch aber nicht in den letzten Jahren im Kühlregal einen Siegeszug angetreten zu haben. Der Vertrieb hat auch fast alles getan, um die klassische Frischmilch zu verdrängen. Argumente finden sich schnell. So müssten Menschen wie Singles, die wenig Milch verbrauchen, nicht so häufig einkaufen. Besonders attraktiv ist das neue Milchprodukt jedoch für den Handel, der damit ein geringeres Risiko trägt, bei Nachfrageschwankungen auf seinen Beständen mit abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten sitzen zu bleiben. Deshalb drängt der Handel auch die Molkereien, ihre ESL-Kapazitäten auszubauen.
ESL-Milch ist seit 1996 am Markt. Noch 2003 war sie ein Nischenprodukt. Sie hatte erst einen Anteil von drei Prozent am Frischmilchmarkt, schon 2005 aber waren es über 15 Prozent. Heute gibt in vielen Discountern keine Frischmilch mehr. Selbst einige Biosupermärkte sind auf den Zug ausgesprungen. Inzwischen lautet die zentrale Frage, ob Verbraucher in Anbetracht dieser rasanten Entwicklung in absehbarer Zeit überhaupt noch eine Alternative beim Einkauf haben.
Diese Entwicklung hat nun aber nicht nur Freunde der frischen Milch auf den Plan gerufen, sondern auch einige Verbraucherschutzorganisationen tätig werden lassen. Den Verbraucherinnen und Verbrauchern soll reine Milch eingeschenkt werden. Auch das zuständige Ministerium sah sich genötigt aktiv zu werden.
Auf diesen Druck hat die Milchindustrie reagiert und sich zu einer einheitlichen Kennzeichnung verpflichtet. Künftig sollen Verbraucher herkömmliche Frischmilch durch die Aufschrift "traditionell hergestellt" und ESL-Milch durch den Zusatz "länger haltbar" eindeutig voneinander unterscheiden können. Außerdem sollen Qualitätsunterschiede zwischen der ESL-Milch und der klassischen Frischmilch wissenschaftlich untersucht werden. Das ist bislang allerdings eine freiwillige Vereinbarung. Sollte die Umsetzung in den nächsten Monaten nicht klappen, will das Bundesverbraucherministerium die einheitliche Kennzeichnung gesetzlich anordnen.
Ob das so kommt, hängt auch von unserem Verhalten ab. Nicht nur Wein kann degustiert werden. Versuchen Sie die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen zu erspüren. Sie werden überrascht sein welche Unterschiede es gibt. Und verlangen Sie klare Transparenz, was Begriffe wie "extra frisch" bedeuten. Nur so kommen wir weiterhin zu einem uneingeschränkten Milchgenuss. Georg Lutz ist Politologe aus Freiburg und genießt sein Müsli mit frischer Milch, die nicht drei Wochen im Kühlschrank steht.
Weitere Informationen
www.foodwatch.de
www.taz.de/1/zukunft/konsum/artikel/1/erhitzte-milch-heisst-weiter-frisch/
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